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Klima und Energie
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«Versorgungssicherheit und Klimaziele lassen sich verbinden»

Nadine Siegle
Flachdach mit Photovoltaik-Anlage, im Hintergrund fährt ein Zug der SBB vorbei.

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Drängt die Sorge um eine Strommangellage die Klimaziele in den Hintergrund? Wie schaffen es Gemeinden, die Versorgungssicherheit zu gewährleisten und gleichzeitig das Netto-Null-Ziel nicht aus den Augen zu verlieren? Im Interview erklären Michel Müller und Milena Krieger von EBP, worauf es ankommt.

Nadine Siegle im Gespräch mit Michel Müller und Milena Krieger

Welches sind die grössten Herausforderungen für die Versorgungssicherheit in der Schweiz?

Michel Müller: Ich möchte mit der guten Nachricht beginnen: Die Schweiz bringt sehr gute Voraussetzungen für eine versorgungssichere Zukunft mit. Insbesondere mit den vielen Wasser- und Speicherkraftwerken. Die heutige Abhängigkeit von fossilen Energieträgern, von Heizöl, Erdgas sowie Benzin und Diesel, ist aber eine grosse Herausforderung für die Versorgungssicherheit. Spätestens das letzte Jahr hat uns gezeigt, dass diese Energieträger ein Risiko darstellen. Die Voraussetzungen für eine Transformation hin zu anderen Energieträgern, weg von den fossilen, sind dank der Vielfalt an erneuerbaren Energiepotenzialen jedoch gegeben. Seien das Potenziale in unseren Gewässern, in der Abwärme aus grossen Infrastrukturanlagen oder in der Wärme aus dem Erdreich.

Und was bedeutet diese Transformation für die Gemeinden? Was ist ihre Aufgabe?

Müller: Jede Gemeinde hat die Aufgabe, mit ihren vorhandenen Energiepotenzialen den besten Weg für sich zu finden. Die Potenziale im Bereich der erneuerbaren Energien sind zwar gross. Sie sind aber sehr von den lokalen Gegebenheiten abhängig. Die Gemeinde kennt ihre eigene Ausgangslage am besten.

Milena Krieger: Dabei gilt es vor allem die lokalen Potenziale zu nutzen. Grenzt eine Gemeinde an einen See? Dann wäre die Seewärme ein wichtiges Potenzial, das es auszuschöpfen gilt. Oder kann die Gemeinde Erdsonden nutzen? Hat sie lokale Abwärmepotenziale dank einer Abwasserreinigungsanlage oder einer Kehrichtverbrennungsanlage?

Michel Müller, EBP

«Die Versorgungsthematik hat der Klimadebatte Rückenwind gegeben und gezeigt, dass wir mit der Klimastrategie auf dem richtigen Weg sind.»

Michel Müller, Teamleiter Energiesysteme, EBP

Haben Sie trotzdem eine allgemeine Empfehlung, unabhängig von lokalen Gegebenheiten?

Krieger: Übergeordnet lässt sich sagen, dass die Energieplanung in der Gemeinde enorm wichtig ist. Sie ermöglicht es, die lokalen Potenziale besser kennenzulernen und die Nutzung der verschiedenen Energieträger miteinander zu koordinieren. Dabei ist es auch wichtig, die lokalen Akteure wie Gas- oder Stromversorger einzubeziehen.

Und wie steht es um Empfehlungen hinsichtlich der Energiepotenziale? Gibt es erneuerbare Energiequellen, die empfehlenswerter oder erfolgsversprechender sind als andere?

Krieger: Bei der Stromerzeugung liegen die Potenziale sicherlich in der Photovoltaik, in der Wind- und in der Wasserkraft. Die meisten Möglichkeiten, selbst aktiv zu werden, haben die Gemeinden im Bereich der Photovoltaik. Sie können bei ihren eigenen Gebäuden ansetzen. Ausserdem liegt bei der Photovoltaik auch das grösste Potenzial für den Ausbau der erneuerbaren Stromproduktion.

Müller: Die Photovoltaik betrifft wirklich jede Gemeinde. Wind, Wasser oder auch Geothermie sind standortabhängig. Und Energieholz ist als Potenzial in der Schweiz in vielen Regionen eigentlich schon ausgeschöpft. Da ist es wichtig, dass man nicht in eine weitere Abhängigkeit fällt.

Zu den Personen

Michel Müller leitet bei EBP das Team Energiesysteme. Er beschäftigt sich damit, wie Gemeinden und Städte ambitionierte Energie- und Klimaziele erfolgreich umsetzen.

Milena Krieger begleitet bei EBP Gemeinden und Städte auf dem Weg zu Netto-Null bei der Erarbeitung von Energieplanungen und Klimastrategien.

Kommen wir zu den Klimazielen: Könnte die Angst vor einer Strommangellage die Klimaziele in den Hintergrund drängen und dem Netto-Null-Ziel womöglich schaden?

Müller: Ja, dieses Risiko besteht. Kurzfristig zeigte sich das, als das Thema Versorgungssicherheit eine Zeit lang besonders viel Aufmerksamkeit auf sich zog. Doch die Versorgungsthematik hat der Klimadebatte auch Rückenwind gegeben und gezeigt, dass wir mit der Klimastrategie und dem Ausbau der erneuerbaren Energien auf dem richtigen Weg sind. Die Ziele der Versorgungssicherheit und die Klimaziele lassen sich nämlich sehr gut verbinden. Und entsprechend stehen auch die Massnahmen dafür nicht im Widerspruch.

Milena Krieger: Das zeigt sich ganz deutlich beim Thema Energieeffizienz. Massnahmen für mehr Energieeffizienz dienen sowohl der Versorgungssicherheit als auch den Klimazielen.

Dann sind netto null Treibhausgas-Emissionen bis 2050 bei gleichzeitig hoher Versorgungssicherheit tatsächlich machbar?

Müller: Ja, das ist beides gleichzeitig möglich. Aber es ist eine grosse Aufgabe. Die grösste Herausforderung wird sein, diese Ziele schnell genug zu erreichen.

Welchen Beitrag müssen Gemeinden dazu leisten?

Müller: Die Steigerung der Energieeffizienz muss eigentlich immer der Ausgangspunkt sein. Anschliessend ist es wichtig, die lokalen und regionalen Energien zu nutzen. Das gilt sowohl für die Stromerzeugung als auch für die Wärmeversorgung. Das tönt sehr einfach, ist es aber natürlich nicht – das sind riesige Aufgaben.

Krieger: Wichtig ist ausserdem zu betonen, dass der Umstieg auf den Fuss- und Veloverkehr sowie den ÖV dazu beitragen kann, dass wir im Sektor Verkehr weniger Energie benötigen. Und hier haben Gemeinden, etwa mit ihren Raumplanungskompetenzen, einen sehr grossen Hebel. Sie können den Umstieg auf den Langsamverkehr für die Bevölkerung attraktiver gestalten.

Milena Krieger, EBP

«Bei der Überarbeitung der Bau- und Nutzungsordnung sollten die Effizienzsteigerung, die Energiepotenziale und die Versorgungssicherheit aktiv mitgedacht werden.»

Milena Krieger, EBP

Wird denn der Energiebedarf aufgrund der Elektrifizierung verschiedener Sektoren, zum Beispiel der Mobilität, nicht noch weiter steigen?

Krieger: Vorsicht, da braucht es eine Präzisierung: Wir gehen nicht davon aus, dass der Energiebedarf steigt. Der Strombedarf schon, durch die Elektrifizierung, das ist korrekt. Jedoch wird erwartet, dass der Energiebedarf insgesamt langfristig sinkt. Einerseits dank immer mehr Energieeffizienz, aber auch gerade wegen der Elektrifizierung. Dadurch können wir Technologien nutzen, die effizienter sind als die bisherigen fossilen Lösungen.

Die Gemeinden sind in Energiethemen sehr unterschiedlich engagiert. Wie schätzen Sie diese Unterschiede ein? Können «langsame» Gemeinden noch aufholen?

Krieger: Es gibt Gemeinden, die sich schon seit Jahren mit der Transformation zu erneuerbaren Energien befassen. Diese haben natürlich einen grossen Vorsprung. Wir stellen zwar vielerorts einen politischen Willen für Netto-Null fest. Sobald es aber um die Kosten geht, sieht das Ganze wieder anders aus. Da gilt es anzusetzen. Am Ende ist die Entwicklung stark abhängig vom Selbstverständnis der Gemeinde. Für gewisse ist das Thema ein Teil ihrer Identität und sie verstehen sich als Vorbilder. Andere haben das Thema erst neu auf der Agenda. Es ist jedoch nie zu spät, auf den Zug aufzuspringen und wirkungsvolle Massnahmen umzusetzen.

Müller: Wir dürfen auch nicht vergessen: Die Gemeinden sind nicht allein in der Schweiz. Es ist auch eine übergeordnete Entwicklung im Gange. Viele Kantone und der Bund machen vorwärts und schaffen damit Grundlagen oder sogar Vorgaben. Diese gelten dann unter Umständen für alle, wie etwa die Vorgabe in vielen Kantonen, dass beim Heizungsersatz erneuerbare Energie genutzt werden muss. Wenn die Gemeinden passiv bleiben, verpassen sie die Chance, ihre eigene Transformation selbst mitzubestimmen.

Und wo soll eine Gemeinde am besten anfangen, wenn sie diese Chance nicht verpassen will?

Müller: Wir empfehlen, erst einmal einen Schwerpunkt zu setzen. Und da ist ein Fokus auf die Wärmeversorgung sicher sinnvoll: Jede Gemeinde, die noch nicht so weit ist in der Thematik, sollte den Wärmebereich genauer anschauen. Dort sind die Handlungsoptionen auf kommunaler Ebene gross. Und wenn man sie nicht heute anpackt, ist auch irgendwann das Potenzial verpasst.

Krieger: Ein weiterer Anknüpfungspunkt bietet sich, wenn die Bau- und Nutzungsordnung überarbeitet wird, was derzeit vielerorts geschieht. Bei der Überarbeitung sollten die Effizienzsteigerung, die Energiepotenziale und die Versorgungssicherheit aktiv mitgedacht werden. Gerade im Bereich der Verkehrsplanung gehen die Klimaziele vielfach immer noch vergessen. Denn erschwerend kommt hinzu, dass die Themen Energie oder Klima häufig separat von den übrigen Gemeindethemen behandelt werden. Es wäre wichtig, die Klimaziele der Gemeinde in allen Abteilungen mitzudenken und sich zu vernetzen.

Steht das viel beklagte Silodenken den Betroffenen im Weg?

Krieger: Das kommt natürlich auf die Gemeinde an. Aber es gibt tatsächlich solche Fälle, in denen eine Abteilung die Klimastrategie ausarbeitet, während die übrigen Abteilungen Zielvorgaben haben, die sich nicht mit den Zielen in der Klimastrategie vereinbaren lassen. Es ist eine Herausforderung, das alles unter einen Hut zu bringen.

«Eine Gemeinde sollte frühzeitig überlegen, wie sie über Projekte informiert, wie sie die Einwohner:innen einbezieht, animiert und ihre Meinung abholt. So schafft sie Akzeptanz.»

Milena Krieger, EBP

Was empfehlen Sie in solchen Fällen?

Krieger: Es lohnt sich, die einzelnen Abteilungen frühzeitig einzubeziehen und sowohl bei der Definition der Ziele als auch der Massnahmen mitwirken zu lassen. Und schliesslich darf die Finanzierung dieser Massnahmen nicht vergessen gehen. Sonst laufen die betroffenen Abteilungen wieder in einen Konflikt hinein, wenn es an die Umsetzung geht.

Müller: Die Zusammenarbeit ist im strategischen Prozess sehr wichtig. Aber auch in der Umsetzung müssen die Abteilungen im Kontakt bleiben. Sie sollten regelmässig prüfen, wer gerade wo steht. Denn Austausch ist das A und O.

Und wie steht es um die Akteur:innen ausserhalb der Verwaltung? Mit wem sollten Gemeinden zusammenarbeiten?

Krieger: Im Zentrum steht hier die Zusammenarbeit mit Energieversorgungsunternehmen. Sowohl in der Strom- als auch in der Gasversorgung. Und nicht zu vergessen ist auch die Bevölkerung. Schliesslich ist die Akzeptanz für geplante Projekte enorm wichtig. Eine Gemeinde sollte frühzeitig überlegen, wie sie über Projekte informiert, wie sie die Einwohner:innen einbezieht, animiert und ihre Meinung abholt. So schafft sie Akzeptanz.

Haben Sie noch einen letzten Tipp für kleinere Gemeinden?

Krieger: Vor allem für kleinere Gemeinden sind die komplexen und sich schnell entwickelnden Themen rund um das Klima und die Versorgungssicherheit teils überfordernd. Hier könnte ein Zusammenschluss innerhalb einer Region helfen. Wenn man mit Gemeinden mit ähnlicher Ausgangslage in der Region gemeinsam etwas erarbeitet, profitieren alle im Verbund voneinander.

Müller: Es gibt zum Beispiel Regionen, die eine Art Kompetenzzentrum aufbauen. So teilen sie sozusagen eine Energiefachperson. Auch Partner, wie der Kanton, können in solchen Projekten sehr wichtig sein. Die Kantone bieten unter anderem Informations- und Beratungsangebote. 


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