Gemeinde
Biodiversität
Praxisbeispiel

«Das Miteinander fördert die Motivation für neue Projekte»

Markus Hohl
Jennifer Zimmermann
Gross Wiese mit Obstbäumen, dahinter die Aussicht auf den Zürichsee.

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10 Minuten Lesezeit

Biodiversität

Praxisbeispiel

Seit Juli 2023 hat die Region Zimmerberg im Kanton Zürich ein eigenes Biodiversitätsnetzwerk. Dieses setzt sich über die Gemeindegrenzen hinweg für die vielfältige Natur und Landschaft in der Region ein. Im Interview spricht Markus Hohl, Geschäftsstellenleiter des Naturnetzes Zimmerberg, über die Vorarbeit und Finanzierung. Wie ist es gelungen, alle wichtigen Akteur:innen der Region an einen Tisch zu bringen?

Jennifer Zimmermann im Gespräch mit Markus Hohl

Im Juli 2023 ist das Naturnetz Zimmerberg im Bezirk Horgen (ZH) offiziell gegründet worden. Wie kam es zur Idee eines Biodiversitätsnetzwerks für diese Region?

Markus Hohl: In der Region Zimmerberg haben wir einen zusammenhängenden Landschaftskörper mit sehr hohem Naturwert. Grosse Teile dieser Landschaft sind bundesrechtlich geschützt und es gibt auch viele regional und kantonal bedeutende Schutzgebiete. Diese Lebensräume machen nicht an den Gemeindegrenzen Halt. Deshalb lohnt es sich, auf einer Landschaftsebene regional zu denken und nicht auf Gemeindeebene. Auch im Hinblick auf die schweizweiten Überlegungen zur Ökologischen Infrastruktur, die wir als Konzept für unsere Arbeit übernehmen, ist die übergeordnete Perspektive auf die Landschaft sinnvoll. Und das neue Naturnetz ist ein sehr gutes Gefäss dafür.

Würden regionale Projekte dafür nicht genügen?

Natürlich können Gemeinden auch punktuell in Projekten zusammenarbeiten. Aber schwierig ist dabei häufig, dass es keinen Overhead gibt, kein Backoffice, keine klare Verantwortung für die Koordination, die es aber braucht. Hinzu kommt, dass den Verantwortlichen auf der Gemeinde definitiv nicht langweilig ist und Grünthemen bekannterweise weit hinten auf der Prioritätenliste liegen. Niemand hat übermässig viel Zeit, um Zusatzprojekte über die Gemeindegrenzen hinaus zu koordinieren. Das Naturnetz kann das auffangen und als übergeordnetes Gefäss agieren. Ausserdem hat ein offizielles Netzwerk einen Motivationseffekt.

Wie meinen Sie das?

Durch das Miteinander entsteht Motivation für neue Projekte. Im Verbund etwas umzusetzen, macht viel mehr Spass, als allein an einem Projekt zu arbeiten. Durch die Vernetzung können wir nun wertvolle Synergien nutzen, indem Gemeinden zusammenspannen oder auch Ideen voneinander abschauen.
Glücklicherweise ist die Zusammenarbeit zugunsten der Natur in der Region nichts Neues. Bislang fehlte aber ein offizielles Gefäss dafür. Die heute im Naturnetz Zimmerberg involvierten Gemeinden haben in zwei langjährigen Projekten («Wiesel & Co. am Zimmerberg» und «Wilde Nachbarn») bereits erfolgreich zusammengearbeitet. Das waren wertvolle Erfahrungen, auf denen wir nun aufbauen.

Markus Hohl

«Nur wenn die Zusammenarbeit aller Interessengruppen gelingt, können Massnahmen für die Natur und Landschaft wirklich nachhaltig wirken.»

Markus Hohl, Leiter der Geschäftsstelle des Naturnetzes Zimmerberg

Hat der Zusammenschluss in einem Naturnetz noch weitere Vorteile?

Ja, er übt auch einen gewissen Druck auf andere aus, ebenfalls mitzumachen. Und nicht zu vergessen ist die Argumentation gegenüber den Steuerzahler:innen: Die effizientere übergeordnete Zusammenarbeit kommt deutlich besser an. Denn wir investieren die Ressourcen auf regionaler Ebene – alle gemeinsam. Und wenn wir das in einem Naturnetz tun, können wir auch sicherstellen, dass die richtigen Leute an Bord sind und sich einbringen.

Blick auf einen Weiher mit Seerosen und einem Hüttchen am Ufer

Ein Naturnetz kann als übergeordnetes Gefäss Biodiversitätsprojekte über die Gemeindegrenzen hinweg regional vorantreiben. Bild: Patrick Nouhailler (CC BY-SA 2.0 DEED)

Welches sind denn die «richtigen» Akteur:innen?

Bei Landschafts- und Naturprojekten kommen viele Interessen von unterschiedlichsten Stakeholder:innen aus der Landwirtschaft, Forst, dem Naturschutz, der Gemeinde oder von Grundstückeigentümer:innen zusammen. Nur wenn die Zusammenarbeit dieser Interessengruppen gelingt, können Massnahmen für die Natur und Landschaft wirklich nachhaltig wirken.

Naturnetze in anderen Regionen

Bereits aktive Naturnetze, die als Vorbilder dienen können:

 

Derzeit laufen zudem Projekte zur Gründung weiterer Biodiversitätsnetzwerke:

Wie ist es Ihnen gelungen, die wichtigsten Akteur:innen zu einem solchen Zusammenschluss zu motivieren?

Sehr wichtig waren ein paar entscheidende Haupttreiber:innen mit gutem sozialem Netzwerk. Sie haben es geschickt geschafft, in der Region gut vernetzte Akteur:innen in einer Arbeitsgruppe zusammenzubringen. Die Zusammensetzung der Arbeitsgruppe ist sehr relevant. Denn potenzielle Träger:innen des geplanten Netzwerks sollten natürlich schon früh involviert sein. Ausserdem braucht es im Aufbau eine gewisse Risikobereitschaft, damit der Zusammenschluss gelingt. In unserem Fall war das ein Commitment seitens der Birdlife-Sektionen des Bezirks Horgen, des Planungsdachverbands Region Zürich und Umgebung (RZU) und der Zürcher Planungsgruppe Zimmerberg (ZPZ), die das Risiko eingegangen sind, Beratung und Geld für den Aufbau zur Verfügung zu stellen. Das brauchte etwas Mut, denn die Gespräche hätten sich auch in eine andere Richtung entwickeln können, sodass das Resultat den unterstützenden Organisationen vielleicht weniger entsprochen hätte.

Das Risiko scheint sich gelohnt zu haben. Was hat die Vorarbeit gekostet und wie ist die Finanzierung konkret gelungen?

Da der Kanton erst Geld sprechen kann, wenn eine Trägerschaft besteht, ist die Finanzierung eines solchen Netzwerkaufbaus nicht ganz einfach. Wie erwähnt, haben zu Beginn verschiedene Organisationen Mittel zur Verfügung gestellt, um die Vernetzungsarbeit zu ermöglichen (siehe Box). Insgesamt belief sich der Aufwand dieser Initiierungsphase auf rund 30‘000 Franken, inklusive Eigenleistungen der involvierten Personen und Organisationen.

Was geschah in der Initiierungsphase?

Die Hauptakteurin in der Initiierungsphase des Naturnetzes Zimmerberg war Manuela Di Giulio, die Co-Geschäftsführerin und Mitinhaberin der Natur Umwelt Wissen GmbH. Sie hat unter anderem Gespräche mit den relevanten Akteur:innen geführt und gut vernetzte Personen für die Arbeitsgruppe gewonnen. Aus der Initiierungsphase sind drei Produkte hervorgegangen:

  • Eine Projektskizze, welche die Idee erklärt.

  • Eine Präsentation, um das Projekt anderen Interessierten näherzubringen.

  • Ein Anlass in Wädenswil mit 50-60 Personen, an dem sowohl interessierte Personen aus der Bevölkerung als auch Vertreter:innen aus der Politik sowie der Präsident der ZPZ teilgenommen haben.

Und was folgte nach der Initiierungsphase?

Mit einem Anlass in Wädenswil endete die Initiierungsphase. Denn nach diesem Anlass sprach die ZPZ die Gelder für die nächste Phase, die Gründungsphase. Sie stellte 25‘000 Franken für die Arbeitsgruppe zur Verfügung, die damit die offizielle Gründung des Naturnetzes vorbereiten konnte. Ausserdem stellten wir einen Antrag an die ZPZ, anschliessend die Trägerschaft für das Naturnetz zu übernehmen und für das kommende Jahr 2024 die Finanzierung der Geschäftsstelle im Umfang von 40‘000 Franken zu budgetieren. Über die Bevölkerungszahl wurde bestimmt, wie viel die einzelnen Gemeinden zur Finanzierung beitragen müssen (30 Rappen pro Einwohner:in). Dieses Budget für die Geschäftsstelle wurde bewilligt.

Ausschnitt aus dem Leitfaden «Biodiversität gemeinsam in der Region fördern» zu den vier Projektphasen

Die vier Phasen eines Biodiversitätsnetzwerks gemäss dem Leitfaden «Biodiversität gemeinsam in der Region fördern». Bild: Pusch-Leitfaden

Damit wird nun Ihre Tätigkeit als Geschäftsstellenleiter finanziert?

Genau, die ZPZ stellt 40‘000 Franken pro Jahr für die Geschäftsstelle zur Verfügung. Diese ist bei der Stadt Wädenswil angesiedelt (siehe Box). Rund um die Gründung wurde aber auch die Option diskutiert, die Geschäftsstelle bei einem privaten Ökobüro anzusiedeln. Da sich die Möglichkeit der Geschäftsstelle in Wädenswil angeboten hat, wurde diese Option vorerst einmal verworfen. In drei Jahren soll die Frage aber nochmals auf den Tisch kommen.

Geschäftsstelle des Naturnetzes Zimmerberg

Die Geschäftsstelle ist bei der Stadt Wädenswil angesiedelt, da diese als einzige der beteiligten Gemeinden einen Biodiversitäts- und Naturschutzbeauftragten hat. Markus Hohl führt diese Geschäftsstelle mit einem Pensum von 20 Stellenprozenten. Die Kosten im Umfang von 40'000 Franken sollten gemäss Hohl für den Anfang ausreichen und vorerst nicht steigen. Je mehr Projekte das Naturnetz in der Zukunft aber umsetzt, desto höher wird der Aufwand der Geschäftsstelle. Der zusätzliche Aufwand dürfte dann allerdings über die Projekte finanziert werden.

Ein Jogger rennt auf einem Kiesweg an einem Schild eines Naturschutzgebiets vorbei.

Die Region Zimmerberg verfügt über viele Schutzgebiete, hier ein Naturschutzgebiet in Adliswil. Bild: Pusch

Sie haben vorhin von verschiedenen Interessengruppen gesprochen und dass diese frühzeitig involviert werden sollten. Wer ist nun neben Ihnen als Vertretung der Geschäftsstelle Teil des Naturnetzes?

Das gilt es nun zu entwickeln. Die ZPZ hat eine Fachkommission gegründet, die so breit wie möglich aufgestellt ist und sozusagen einen Spiegel der Landschaftsakteur:innen darstellt (siehe Box). Mit neun Personen in diesem Gremium können wir aber kaum alle Interessen abdecken. Es ist deshalb auch die Aufgabe der Naturnetz-Geschäftsstelle, die fehlenden Personen je nach Thema und Projekt an den Tisch zu holen und einzubinden. Zum Beispiel Gewässerökolog:innen, dort wo es um Gewässerthemen geht.

Die Fachkommission

Die Fachkommission (strategisches Gremium) umfasst 9 Mitglieder, bestehend aus Vertreter:innen:

  • der Zürcher Planungsgruppe Zimmerberg (ZPZ)

  • des Planungsverbands Region Zürich und Umgebung (RZU)

  • der Landwirtschaft (zwei Personen, Ackerbaustellenleiter)

  • der Forst

  • des Wildnisparks Sihlwald

  • aus Gemeinden (zwei Personen)

  • eines Naturschutzvereins (als Vertretung der Regionalgruppe)

Das Naturnetz wurde im Juli 2023 gegründet. Was ist seither geschehen und was werden Sie als nächstes anpacken?

Die erste Sitzung der Fachkommission hat stattgefunden, eine zweite steht an. Es geht aktuell vor allem um Grundlagenarbeiten, etwa um die Frage, wie die Fachkommission als strategisches Organ und die Geschäftsstelle als operatives Organ zusammenarbeiten. Wir haben nun die nächsten Schritte und die ersten Aktivitäten für 2024 definiert. Zum Beispiel ist eine eigene Naturnetz-Website im Aufbau. Bis das Naturnetz aber so richtig ins Rollen kommt, rechnen wir mit rund zwei Jahren Aufbau-Arbeit.

Tipps zum Aufbau eines Naturnetzes

Markus Hohl, der Geschäftsstellenleiter des Naturnetzes Zimmerberg, hat die wichtigsten Tipps für alle, die ebenfalls ein Biodiversitätsnetzwerk gründen möchten, zusammengefasst:

  • Mitglieder der Arbeitsgruppe gut auswählen: Hilfreich sind Personen, die verschiedene Funktionen in der Region innehaben und das Naturnetz in unterschiedlichen Gremien vertreten könnten.

  • Bewusstsein für das Risiko: Es braucht eine gewisse Risikobereitschaft seitens der Geldgeber:innen der ersten Stunde. Die Beteiligten müssen sich bewusst sein, dass das Vorhaben auch scheitern oder anders herauskommen könnte als geplant.

  • Es braucht Zugpferde: Es geht nicht ohne engagierte, voranschreitende Personen, die zum Beispiel Sitzungen organisieren und das Thema als Ganzes vorantreiben. Hilfreich ist auch, wenn eine Fachperson, etwa aus einem Ökobüro, dabei mit an Bord ist. Idealerweise wird diese dazu beauftragt und von der Arbeitsgruppe auch dafür bezahlt.

  • Genügend Zeit einplanen: Wenn das Naturnetz an ein politisches Gremium angebunden sein soll, braucht die Gründung ihre Zeit. Bei der ZPZ zum Beispiel gibt es nur drei bis vier Sitzungen pro Jahr. So kommt man nur im Halbjahrestakt einen Schritt weiter.

Was ist Ihre Vision für das Naturnetz Zimmerberg?

Ich bin eher ein Pragmatiker, kein Visionär. Wir müssen nicht an einer Vision arbeiten, die bereits allen klar ist. Und auch die Ziele sind definiert, wir müssen sie nicht neu erfinden. Wir müssen aber herausfinden, wie wir die Probleme konkret anpacken. Ich wünsche mir, dass Natur- und Klimaschutz und die Lösungswege für die Probleme, in denen wir heute stecken, zu Mainstream-Themen werden.

Was meinen Sie mit Mainstream?

Stellen Sie sich vor: Wir haben irgendwo einen Baum auf einem Dorfplatz. Das Naturnetz muss nun daran arbeiten, dass künftig jede:r in der Region diesen Baum in seine Überlegungen einbezieht. Die Politik, das Tiefbauamt, die Baubewilligungsbehörden und so weiter. Wenn alle diesen metaphorischen Baum in ihre eigene Arbeit einbeziehen, dann haben wir es geschafft. Alle sind aufgefordert, ihre Überlegungen aus ihren Perspektiven zugunsten von Grünräumen oder anderen Umweltthemen zu machen.

Unterstützung und Hilfsmittel

Möchten Sie in Ihrer Region ein Naturnetz aufbauen? Tauschen Sie sich mit Vertreter:innen bestehender Naturnetze (z.B. Pfannenstil, Knonauer Amt oder Zimmerberg) aus. Gerne unterstützt Sie Pusch in diesem Vorhaben. Bei Interesse wenden Sie sich an Jennifer Zimmermann.

Sie möchten das Thema Biodiversität auf regionaler Stufe angehen? Unter www.pusch.ch/vernetzung steht der Leitfaden «Biodiversität gemeinsam in der Region fördern» kostenlos zum Download zur Verfügung. Der Leitfaden richtet sich an Gemeinden, engagierte Bürger:innen, Naturschutzvereine sowie andere Gruppen und zeigt auf, welche Vorteile das regionale Vorgehen mit sich bringt und wie ein solcher Zusammenschluss von Gemeinden und Organisationen ablaufen könnte.

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Titelbild: Patrick Nouhailler (CC BY-SA 2.0 DEED)


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